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Thema vom 30.08.19: Ärger und Hass

 

Die Geschichte von einem Herrn und dem Speiseeis

Im Laufe des Nachmittages waren die Temperaturen zum Glück etwas abgekühlt, allerdings war jegliches Arbeiten im Freien immer noch sehr schweißtreibend. So kam es ihm nicht ungelegen, dass jeden Moment der Eismann in der Straße vorbeikommen sollte. Also stellte er den Rasenmäher aus, um ja nicht das Klingeln zu versäumen, welches die Ankunft des Wagens mit dem leckeren, kühlenden Eis ankündigte. Nach zehn Minuten ungeduldigen Wartens war es endlich soweit. Er konnte den dreirädrigen Wagen durch die Büsche erkennen und bewegte sich mit schnellen Schritten zu ihm hin. Als er schließlich als Kunde an der Reihe war, stand er so nah an den vielen verschiedenen Eissorten, dass er sie alle überblicken konnte. Er bestellte sich wie meistens eine Kugel Stracciatella und eine Kugel Zitrone, ärgerte sich aber sehr darüber, dass der Verkäufer Waldbeere und Lakritze im Angebot hatte. „Da habe ich mich so darauf gefreut, und dann sowas! Ich werde mir gut überlegen, ob ich zu dem noch einmal hingehe!“ So kam es, dass der Mann sein Eis schleckte, doch nicht allzu viel davon mitbekam, da er gedanklich immer noch bei den beiden verhassten Sorten war.

Welchen Ratschlag haben Sie für den Herrn? Vermutlich dass er eh zwei Sorten gefunden hat, die ihm schmecken. Und dass ihm der Ärger über das Waldbeer- und über das Lakritzeis nichts bringt. Würde ihm dadurch sein bestelltes Eis besser schmecken, würde man die Aufregung verstehen, aber das Gegenteil ist der Fall. Sie verstehen den Mann also nicht, oder?

Doch wie oft passiert es uns selbst, dass uns Kleinigkeiten aufregen? Werden wütend, nur weil wir bestimmten Menschen begegnen oder sie sogar nur sehen? Weil uns ihr Aussehen nicht gefällt! Wie oft halten wir nach Dingen Ausschau, die uns missfallen, statt nach solchen, die uns eine Freude bereiten? Und wie oft haften wir an Ärgernissen und lassen sie lange nicht mehr los? Lassen all das Schöne und Gemochte dadurch trüben!

Beobachten Sie sich doch einmal in Ihrem Alltag, worüber Sie sich ärgern und was der Groll zu Ihrer Lebensqualität beiträgt bzw. wie er Sie beeinflusst…

„In jeder Minute, die du im Ärger verbringst, versäumst du 60 glückliche Sekunden deines Lebens“ (Albert Schweitzer).

Lieber Leser, achten Sie bewusst darauf, wie Sie an Ärger- und Hassgefühlen festhalten. Wie leicht fällt es Ihnen, die entsprechenden Gefühle und Gedanken loszulassen und sich mit angenehmen und erfreulichen Dingen zu beschäftigen?

Wut ist eine sehr zerstörerische Emotion, die unser Denken trübt. Dies verdeutlicht sich zum Beispiel bei Streitgesprächen in der Partnerschaft. Es ist, als ob die Wut das Kommando über die Szenerie übernehmen würde, unsere Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Verletzungen verteidigt und das Wohl und die Interessen des anderen ignoriert oder abwertet. Hass ist wie eine Lupe, die die negativen Eigenschaften des Gegenübers vergrößert, und wie ein Radiergummi, der positive Eigenschaften weglöscht.

Wenn wir schauen, wie schnell wir anderen gegenüber gehässig reagieren und wie schwer wir davon loskommen, wenn wir erkennen, wie feindselig wir schon bei Kleinigkeiten reagieren, weil zum Beispiel das Aussehen einer Person nicht unseren Erwartungen entspricht, brauchen wir uns nicht über die vielen Kriege auf der Welt wundern. Der Sinn und Zweck dieser Zeilen besteht nicht darin, Schuldgefühle zu erzeugen, sondern vielmehr die Abneigung gegen die zerstörerische Kraft von Wut und Hass zu erhöhen sowie den Willen, an sich zu arbeiten und sich inmitten dieser Emotionen zu befreien.

 

Groll mit uns herumtragen ist wie das Greifen nach einem glühenden Stück Kohle in der Absicht, es nach jemandem zu werfen. Man verbrennt sich nur selbst dabei“ (Buddha).

Durch Ärger schadet man vor allem sich selbst, ohne etwas an dem zu ändern, worüber man sich ärgert. Ändert sich das Wetter durch unseren Ärger? Oder fahren im Stau alle Autos vor uns plötzlich zur Seite, nur damit wir vorbeifahren können? Oder bügelt sich die Wäsche, eingeschüchtert durch unser verärgertes Gesicht, lieber selbst? Inwieweit suchen Mitmenschen unsere Nähe, wenn wir vor Zorn kochen? Welchen Beitrag leistet Ärger zu Lösungen bei Problemen und Konflikten?

 

Bei Wut schaden wir weniger der Person, gegen die sich unsere Gefühle richten, als vielmehr uns selbst. Wütend lehnen wir oft den anderen in seiner Gesamtheit ab, statt nur das entsprechende Verhalten zu kritisieren. Außerdem übersehen wir, dass sich eine Person nicht immer in der gleichen Art und Weise verhält; ein Verhalten wird immer auch von der Situation und der Umgebung beeinflusst. Falls wir jemanden als Feind betrachten, sollten wir bedenken, dass das einzig und allein unsere Zuschreibung ist. Er kann gleichzeitig Freund vieler anderer sein und unter günstigen Umständen sogar zu unserem eigenen werden oder irgendwann einmal gewesen sein. Wir können außerdem unseren Ärger reduzieren, wenn wir den anderen nicht als Feind betrachten, der uns bewusst verletzen will, sondern als jemanden, der leidet und sich nicht davon befreien kann.

Wollen wir dagegen einen Mitmenschen bestrafen, werden wir von Groll getrieben, anstatt den Wunsch zu haben, der Person zu helfen.

Häufig reagieren wir mit Wut, wenn Mitmenschen nicht unsere Erwartungen erfüllen. Doch warum dürfen sie nicht so sein, wie sie wollen? Wenn wir keine Erwartungen an sie hätten, wieso sollten wir dann noch enttäuscht, beleidigt, verletzt oder gekränkt sein? Natürlich können wir uns von ihnen dies und jenes erwarten, aber wir lösen uns von der Vorstellung, dass sie sich auch danach verhalten müssen.

Hinter Ärger steckt immer ein anderes Gefühl und ein verletztes Bedürfnis. Verspätet sich etwa jemand bei einer Verabredung und hat obendrein nicht einmal angerufen, reagieren wir enttäuscht. Unser Bedürfnis, dem anderen wichtig zu sein, wurde verletzt. Durchleuchten wir die verletzten Bedürfnisse, so können wir Ärgerreaktionen besser verstehen. Wir sollten auch berücksichtigen, welche Rolle unser Wunsch spielen kann, eine bestimmte Identität zu erfüllen z. B. „Ich bin eine gute Mutter.“ „Ich komme immer pünktlich!“ „Wir haben eine funktionierende Partnerschaft.“ Werden die entsprechenden Vorstellungen über uns bedroht, reagieren wir mit Ärger und Wut und verteidigen sie oftmals in feindseliger und abwertender Art und Weise.

„Wer seinen Zorn runterschluckt, hat ihn noch lange nicht verdaut“ (Sebastian Kneipp).

Viele von uns ignorieren oder verdrängen Ärgergefühle oder schlucken sie hinunter. Häufig gestehen wir uns unseren Ärger nicht ein. Das heißt jedoch nicht, dass wir nicht hin und wieder wütend sind. Vielleicht sind nur gerade die Umstände günstig und unsere Mitmenschen verhalten sich entsprechend unserer Vorstellungen. Wenn wir den Ärger unterdrücken, sind wir ihn nicht los. Er hat nur die Form geändert und äußert sich zum Beispiel im Körper in Form von Magen- und Kopfschmerzen oder als Unruhe und Angespanntheit. Wir können uns nur dann inmitten einer Emotion befreien, wenn wir ihr begegnen. Daher besteht ein wichtiger Schritt darin, uns unsere Gefühlsneigungen einzugestehen und in weiterer Folge an diesen zu arbeiten.

Copyright © Mag. Patrick Voppichler

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